Vor wenigen Tagen hat das französische Parlament beschlossen, dass in Frankreichs Schulen die Schüler bis 15 Jahre ihre Smartphones (Ich vermeide in diesem Beitrag ganz bewusst den Begriff „Handy“) nicht mehr auf dem Schulgelände oder auf Ausflügen benutzen dürfen. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron von der französischen Regierungspartei La République en Marche hat mit diesem Smartphone-Verbot an Frankreichs Schulen ein sogenanntes „Wahlversprechen“ eingelöst. Ob Macron, dessen Umfragewerte sich in Frankreich derzeit im freien Fall befinden, sich mit diesem Verbot einen Gefallen getan hat, darf durchaus bezweifelt werden, denn dieses Verbot wird heftig kritisiert.

Wie wurde aber nun dieses französische Smartphone-Verbot in der deutschen Politik und Medienlandschaft aufgenommen?

Realitätsfern und fortschrittsfeindlich

Das Kultusministerium Baden-Württemberg hat sich klar gegen ein solches Verbot ausgesprochen, betont aber, dass eine maßvolle und verantwortliche Nutzung von Tablets und Smartphones durch eine Schulordnung geregelt werden muss. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält nichts von einem Smartphone-Verbot. Und in einem Interview von Deutschlandfunk Kultur vom 31.07.2018 spricht sich auch Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), deutlich gegen eine solche gesetzliche Regelung aus. Beckmann sagt, dass Schulen auch einen Bildungsauftrag für Medienkompetenz hätten. Überraschenderweise wird auch in vielen Kommentaren in den Medien ein Smartphone-Verbot überwiegend als realitätsfern und fortschrittsfeindlich eingeordnet.

Natürlich gibt es vereinzelt auch anders lautende Stimmen. In einem Interview mit dem Spiegel sprach sich der ehemalige Präsident des deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus, ein Pädagoge der ganz alten Schule, bereits 2014 ganz klar für ein Smartphone-Verbot aus, da die Schule bei den Kindern „Konzentration und Besinnung“ voraussetze. Unter anderem dieser Josef Kraus war es auch, der sich 2016 ganz ausdrücklich dagegen ausgesprochen hat, dass das Bundesbildungsministerium fünf Milliarden Euro in die Computerausstattung unserer Schulen investieren will.

Dringender Sanierungsfall: Das deutsche Bildungssystem!

Unsere Schulen sind überwiegend noch geprägt von zumeist langweiligem und ermüdenden Frontalunterricht. Lesen, Schreiben und Rechnen sind zwar immer noch wichtige und elementare Kulturfertigkeiten, aber die Art und Weise, wie dieser Stoff in den Schulen vermittelt wird, ist geradezu antiquiert und anachronistisch. Die klassische Strukturierung und Einteilung des Unterrichtsstoffes in Schulfächer (Mathe, Deutsch, etc.) geht an der Realität mittlerweile weit vorbei. Sinnvoll wäre es schon möglichst früh durch innovative Lernformate, wie beispielsweise spannende Projektarbeiten im Team, diese Kompetenzbereiche zu kombinieren. Eine kreative Lernumgebung braucht Projektcharakter, gemeinschaftliches Arbeiten, Freude und Raum für Experimente. Das weckt die Neugier, macht Spaß, und den Kindern erschließt sich durch die praktische Anwendung des Wissens auch die Sinnhaftigkeit des Erlernten.  Zugleich würden auch wichtige soziale Kompetenzen (Kommunikation, Teamfähigkeit und Konfliktbewältigung) gefördert werden.

Stattdessen werden Kinder wie im Mittelalter mit der Trichter-Methode mit Wissen befüllt, beispielsweise durch das Pauken von Englisch-Vokabeln, ohne dass jegliches Interesse geweckt, oder die individuelle Entwicklung berücksichtigt und gefördert wird. An der ehemaligen Gesamtschule meines Sohnes hat es beispielsweise eine Physik-Lehrerin geschafft ihren gesamten Unterricht rein theoretisch abzuspulen, ohne dass auch nur ein einziges spannendes Experiment durchgeführt wurde. Das Wissen wurde ausschließlich aus Büchern vorgelesen und mit Arbeitsblättern bearbeitet. Statt sozialer Kompetenzen wird eher eine Ellenbogenmentalität gefördert. Die Schülerinnen und Schüler erleben häufig Ungerechtigkeiten, weil immer noch die Schulnoten den Ton angeben.

Deutschland ist im europäischen Vergleich Schlusslicht beim Thema Digitalisierung. Und ich finde, nirgendwo wird dieses eklatante Defizit deutlicher sichtbar als in unserem rückschrittlichen Bildungssystem! Von einigen – dann häufig als „Pilotprojekte“ bezeichneten – Ausnahmen abgesehen, ist die technische IT-Ausstattung vieler Schulen steinzeitlich. Wenn es PC-Arbeitsräume gibt, so sind diese zumeist technisch auf einem sehr alten Stand und viele Geräte auch defekt. Von so fortschrittlichen Konzepten wie Blended Learning (Lernformate, bei der die Vorteile von Präsenzveranstaltungen und E-Learning kombiniert werden) sind viele Schulen noch meilenweit entfernt.

Und vor diesem Hintergrund soll es nun ausgerechnet eine gute Idee sein, Smartphones von den Schulen zu verbannen?!

Smartphones in den Unterricht integrieren

Bitte nicht falsch verstehen: Die Nutzung eines Smartphone in der Schule sollte natürlich unter gewissen Regeln stattfinden. Es darf nicht ablenken oder stören, daher sollte es selbstverständlich sein, dass die private Nutzung (WhatsApp, Facebook & Co.) ausschließlich in den Pausen stattfinden darf. Und natürlich gehen auch nicht zu unterschätzende Gefahren von diesen Geräten und den auf ihnen zur Verfügung gestellten Diensten aus – auch darüber müssen Kinder und Jugendliche aufgeklärt werden; das nennt man Förderung der Medienkompetenz.

Aber wie wäre es denn zur Abwechslung mal mit folgender „verrückter Idee“: Man bereichert den Unterricht, indem man Smartphones in das Unterrichtsgeschehen integriert. Denn mit diesen Geräten ist weitaus mehr möglich, als lediglich nach Wissen zu recherchieren:

  • Diverse Schulbuchverlage bieten Apps an, die ergänzend im Unterricht oder auch zu Hause verwendet werden können.
  • Lehrkräfte können Online-Tests für ihre Schülerinnen und Schüler erstellen. Diese können im Unterricht live durchgeführt und auch ausgewertet werden. Man kann auch ein Quiz daraus machen und somit dem Ganzen einen Gamification-Charakter geben.
  • Im kollaborativen Klassenzimmer können die Schüler, die entsprechende IT-Infrastruktur vorausgesetzt, direkt über ihr Smartphone mit dem Beamer oder dem Whiteboard interagieren und ihre Ergebnisse präsentieren, austauschen, gemeinsam bearbeiten und diskutieren.
  • Ein Smartphone hat heutzutage in der Regel rund 15 oder sogar mehr unterschiedliche Sensoren, die beispielsweise für unterschiedlichste Messungen verwendet werden können. Gerade in naturwissenschaftlichen Fächern gibt es daher viele spannende Möglichkeiten das Smartphone als Universalmessgerät zu nutzen. Nur ein Beispiel aus den schier unendlichen Möglichkeiten: Mit der Android-App FFT Spectrum Analyzer kann eine Fast Fourier Analyse eines Audiosignals durchgeführt werden, welches das Smartphone über den Mikrofoneingang aufnimmt.
  • Mit Hilfe von Augmented Reality (AR; computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung) können Lehrinhalte auf eine sehr kreative und interaktive Weise vermittelt werden. Im didaktischen Kontext wird AR schon sehr häufig von Museen eingesetzt. Ein Schul-Beispiel: In einer Unterrichtseinheit zur Hexenverfolgung hat der Wiener Geschichtslehrer Josef Buchner mit seiner Klasse mit Augmented Reality gearbeitet. Ein weiteres Beispiel demonstriert den Einsatz von AR im Chemieunterricht:

Es ist quasi unmöglich ist, alle denkbaren Anwendungsfälle eines Smartphones im Kontext Schule zu benennen, zumal viele kreative Innovationen und völlig neuartige Anwendungsgebiete, die wir jetzt vielleicht noch nicht einmal erahnen können, erst noch kommen werden. Sollen wir wirklich unseren Kindern die Nutzung des Smartphones, einem kreativen Alltagsgegenstand mit schier unendlichem Potenzial für neue Ideen und Möglichkeiten, an den Schulen verbieten? Wäre das wirklich eine angemessene Vorbereitung unserer Kinder und Jugendlichen auf die reale Welt und dessen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts?!

Smartphoneverbot? Echt jetzt?!
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