d21-digital-index-bericht-2017-2018Am 23. Januar 2018 stellte die Initiative D21 e.V., nach eigener Darstellung Deutschlands größtes gemeinnütziges Netzwerk für die digitale Gesellschaft, ihre jährlich erscheinende Studie Digital-Index 2017/2018 vor. Dabei handelt es sich um ein Lagebild zur Digitalen Gesellschaft in Deutschland. Die durch das Bundeswirtschaftsministerium geförderte repräsentative Studie befragt mehr als 22.000 Bundesbürger, um einen Einblick in die digitale Kompetenz, Akzeptanz und Nutzung digitaler Medien und Geräte zu gewinnen, sowie die Einstellung der deutschen Bürger zu digitalen Themen zu erfahren.

Ein erfreuliches Ergebnis dieser Studie ist, dass die digitale Kompetenz der Deutschen stetig zunimmt. Gleichwohl zeigen die Befragungen leider auch das, was viele immer geahnt haben: Deutschland ist digitales Entwicklungsland! Viele Menschen fühlen sich damit überfordert und im internationalen Vergleich steht Deutschland eher bescheiden da.

Aber uns geht es doch gut…

Die deutsche Wirtschaft brummt. Eine unserer zentralen Kenngrößen für die Wirtschaftsleistung, das Bruttosozialprodukt (BIP), steigt stetig. Einige sprechen sogar schon vom „Germany’s new Wirtschaftswunder“. Die Bürger hierzulande sind im Kaufrausch. Der Konsumklima-Index steht laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) derzeit auf dem höchsten Wert seit Oktober 2001. Der Ifo-Geschäftsklimaindex befindet sich auf Rekordniveau. Nicht einmal die monatelangen Versuche einer Regierungsbildung nach der Bundestagswahl im September 2017 konnten diesen Aufwärtstrend bislang stoppen. Es scheint, als könnte nichts die Wirtschaftslokomotive Europas stoppen.

Das sind alles zweifelsohne sehr positive Nachrichten. Gleichzeitig überstrahlen sie die kaum wegzudiskutierende Tatsache, dass einerseits viele Bürger keine Teilhabe an diesem Boom haben. Der wirtschaftliche Erfolg kommt bei vielen Menschen, insbesondere in den ländlichen Regionen, nicht an.

Darüber hinaus hat dieses Land in diversen anderen Bereichen, insbesondere bei wichtigen Zukunftsthemen, erhebliche Defizite aufzuweisen. Einer dieser Zukunftsthemen ist die sogenannte digitale Transformation, oder auch kurz: Digitalisierung. Der Begriff Digitale Transformation, oder Digitalisierung, beschreibt den gesellschaftlichen Wandel durch die zunehmende Nutzung digitaler und vernetzter Geräte, sowohl im Privatleben als auch in der Arbeitswelt, und die damit einhergehenden, spürbaren Auswirkungen auf alle Lebensbereiche der Menschen. Treibende Kraft hinter diesen Entwicklungen ist natürlich vor allem das Internet.

Deutschland nur noch auf dem 17. Platz bei der Digitalen Wettbewerbsfähigkeit

Wie bereits das World Digital Competitiveness Yearbook 2017 des Schweizer IMD World Competitiveness Centers zeigte, ist Deutschland bei der Digitalen Wettbewerbsfähigkeit nur noch auf Platz 17. Ganz vorne im Ranking befinden sich Länder wie Singapur, Schweden, die USA, Finnland und Dänemark. Beim letztjährigen Digitalgipfel kamen weitere besorgniserregende Zahlen ans Licht: Gerade einmal 6,6 Prozent aller deutschen Haushalte haben Zugang zu einem schnellen Glasfaseranschluss, auf dem Land sind es sogar nur traurige 1,4 Prozent! Damit liegt Deutschland im OECD-Vergleich auf einem mitleiderregenden Platz 28 von 32! Das hat fatale Folgen, denn das Internet ist schon längst keine Spielerei mehr, sondern vor allem ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und Wegbereiter für Innovationen.

Ich erlebe es regelmäßig selbst, wenn ich mit der Bahn von Bad Oldesloe nach Hamburg fahre: Kaum hat der Zug den Bahnhof von Bad Oldesloe verlassen, bricht die Mobilfunkverbindung meines Smartphones für lange Zeit ab. Weder telefonieren, noch die Nutzung des Internets sind dann noch möglich. Erst wenn der Zug wieder in die Nähe eines dichter besiedelten Gebiets kommt, hat man wieder für kurze Zeit Empfang, mit etwas Glück sogar besser als lediglich das lahme GPRS oder EDGE. Erst wieder in Hamburg steht der schnelle Mobilfunkstandard LTE beziehungsweise 4G zur Verfügung. Ganz Deutschland ist ein Flickenteppich von Funklöchern. Besonders prekär ist die Situation in den östlichen Bundesländern. Zudem ist mobiles Surfen in Deutschland im europäischen Vergleich exorbitant teuer. Während man in vielen europäischen Nachbarländern große Datenvolumen im zweistelligen Gigabyte-Bereich zu Schnäppchenpreisen hinterher geworfen bekommt, muss man hierzulande bei den drei einzigen Anbietern T-Online, Vodafone und O2 (E-Plus) für wenige Gigabyte Mondpreise bezahlen.

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Kategorisierung der Bevölkerung in die drei Hauptgruppen Digital Abseitsstehende, Digital Mithaltende und Digitale Vorreiter (CC BY 4.0 – Initiative D21)

Die Deutsche Bahn AG versucht zumindest in ihrer schnellsten Zuggattung ICE ein performantes, stabiles und kostenloses WLAN zu Verfügung zu stellen. In den IC und auch gerade in den von Berufspendlern häufig benutzten Regionalzügen sieht es hingegen eher düster aus. Auch hier liegt die Ursache in der schlechten Mobilfunknetz-Infrastruktur, denn um WLAN in den Zügen bereitzustellen ist Mobilfunkempfang in ausreichender Signalstärke entlang der Bahnstrecken notwendig. Kostenloses WLAN in ausnahmslos allen Zügen der Bahn wäre ein herausragendes Alleinstellungsmerkmal gegenüber den anderen und deutlich umweltschädlicheren Verkehrsmitteln PKW und Flugzeug. Nachbarländer machen vor, wie es besser geht: Im schweizerischen Basel sind die modernen Straßenbahnen der Baselland Transport AG bereits seit dem Jahr 2012 durchgängig mit kostenfreien WLAN-Hotspots ausgerüstet.

16 Millionen Bürger sind praktisch off-line

Doch der Rückstand Deutschlands bei der Digitalisierung lässt sich nicht nur am schlechten Ausbau der dafür notwendigen Infrastruktur festmachen. Laut dem aktuellen D21-Digital-Index ist die deutsche Gesellschaft bei diesem Thema gespalten. Satte 24%, das heißt ein ganzes Viertel der deutschen Bevölkerung, nämlich etwa 16 Millionen Bürger, gelten als „Digital Abseitsstehende“. Mit anderen Worten: Diese Menschen partizipieren gar nicht (sogenannte „Offliner“) oder nur in sehr geringem Umfang („Minimal-Onliner“) an der digitalen Welt. Und 32% der Befragten der D21-Studie sagten, dass sie von der Dynamik und Komplexität der Digitalisierung überfordert seien.

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Zustimmung zu Aussagen bezüglich Nutzung des Internets und digitaler Geräte (CC BY 4.0 – Initiative D21)

Die Macher der D21-Studie konfrontierten die befragten Bürger auch mit typischen Begriffen aus dem Themenbereich Digitalisierung. Die Teilnehmer wurden gefragt, ob sie mit Begriffen wie Cookies, Künstliche Intelligenz, E-Government etc. etwas anfangen, oder diese erklären können. Das bemerkenswerte Ergebnis: 51% der Befragten konnten beispielsweise etwas mit dem Begriff „Darknet“ anfangen, aber nur 19% etwas mit dem Begriff „E-Government“. Wenn Menschen nichts oder wenig mit diesen Begriffen anfangen können und sich abgehängt fühlen, wie soll es dann überhaupt schnell und erfolgreich gelingen, Konzepte moderner Verwaltung und Politik umzusetzen? Was ist das ganze Gerede von der vierten industriellen Revolution (Industrie 4.0) und anderen Zukunftsvisionen noch wert, wenn 79% der Menschen nicht verstehen, was das ist, und welche enormen Chancen sich dahinter verbergen?

Immerhin 68% der Befragten stimmten der Aussage voll und ganz, oder zumindest eher zu, dass digitale Medien heutzutage grundlegender Bestandteil aller Schulfächer sein sollten. Und 65% meinten sogar, dass die Vermittlung von Programmierkenntnissen in der heutigen Zeit essenzieller Bestandteil der Schulbildung sein muss. Den letzteren Punkt hatte ich hier bereits vor über einem Jahr diskutiert.

Totalversagen der Politik

Man mag es kaum glauben, aber Pläne für einen bundesweiten Glasfaserausbau hatte bereits im Jahr 1981 die sozialliberale Koalition unter dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt (1918 – 2015) beschlossen. Doch im Oktober 1982 endete Schmidts Kanzlerschaft durch ein konstruktives Misstrauensvotum und die 16-jährige Ära Kohl begann. Unter der von Helmut Kohl (1930 – 2017) geführten christlich-liberalen Koalition wurden diese Pläne dann auf Eis gelegt und stattdessen das Kabelfernsehen vorangetrieben.

35 Jahre später befindet sich der Glasfaserausbau in Deutschland immer noch in der Sackgasse.  Einem Jahresbericht 2016 der Bundesnetzagentur (BNetzA) zu Folge haben kupferbasierte DSL-Internetanschlüsse immer noch 75 Prozent Marktanteil, gefolgt von Anschlüssen über das Kabelfernseh-Netz (Hybrid-Fibre-Coax, HFC). Auf Glasfaserleitungen, die bis in die Gebäude der Kunden reichen (FTTH/FTTB), beruhten gerade einmal rund 600.000 Anschlüsse.

Auch unter den bisherigen 12 Jahren Kanzlerschaft von Angela Merkel in verschiedenen Regierungskonstellationen waren keine signifikanten Fortschritte erkennbar – im Gegenteil! Zwar wurde noch im vergangenen Jahr großspurig von der Bundeskanzlerin verkündet, dass spätestens 2018 mindestens 50 MBit/sec für jeden Haushalt zu Verfügung stehen sollen, aber dieses Ziel dürfte nach heutiger Sachlage wohl komplett verfehlt werden. Es ist auch inhaltlich nicht mehr zeitgemäß, da 50 MBit/sec den Ansprüchen einer modernen, digitalen Gesellschaft schon längst nicht mehr gerecht wird.

Ein gerade erst veröffentlichter Bericht des Bundesrechnungshofs legt auch eine der Ursachen für das fatale Scheitern offen: Das Totalversagen des von Alexander Dobrindt (CSU) geleiteten Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI). Diesem Prüfbericht zu Folge soll der Ex-Minister Personal und Geldmittel für die Digitalisierung angefordert haben, ohne vorher die Notwendigkeit zu prüfen. Dobrindt habe, so heißt es in dem Bericht, „wesentliche Grundsätze eines geordneten Verwaltungshandelns nicht beachtet“.

Währenddessen spürte wohl einer der größten Bremser der Ära Merkel, der CDU/CSU-Bundestagsfraktionsvorsitzende Volker Kauder, das den Unionsparteien bei diesem wichtigen Zukunftsthema die Felle davon schwimmen, und meldete sich in der WELT mit einem unterirdischen Debattenbeitrag zu Wort. Plötzlich scheint Kauder, der 12 Jahre lang im engsten Kreis von Angela Merkel die digitalisierungs-feindliche Politik von CDU und CSU mit verantwortet hat, das Thema quasi wiederentdeckt zu haben und fordert doch tatsächlich, sich „…mit dem gewaltigen Umbruch zu befassen“. Dieses Eingeständnis eines Totalversagens wurde von dem Strategieberater, Blogger und Buchautor Sascha Lobo auf SPIEGEL Online mit einer bemerkenswerten Replik beantwortet.

Die German Angst geht um

Seit ein paar Tagen sorgt eine weitere Studie für Aufsehen und verunsichert die Menschen noch mehr. Der IT-Branchenverband Bitkom (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V.) prognostiziert, dass schon bis zum Jahr 2022 – also in knapp 5 Jahren! – etwa 3,4 Millionen Arbeitsplätze durch die Digitalisierung überflüssig werden. Bei derzeit etwa 33 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten wäre das also jeder zehnte Arbeitsplatz beziehungsweise 10%.

Von diesem Arbeitsplatzrückgang werden, wie häufig noch irrtümlich geglaubt wird, nicht nur einfache und wenig anspruchsvolle Tätigkeiten im Niedriglohnsektor betroffen sein. Im Gegenteil: Mittelfristig, so der Branchenverband Bitkom, sei die Hälfte aller Berufsbilder bedroht. Zudem sieht sich jedes vierte Unternehmen durch die Digitalisierung sogar in seiner Existenz bedroht!

Im Bereich der Banken sind die Auswirkungen jetzt schon spürbar. Die Digitalisierung stellt das klassische Bankgeschäft vollkommen auf den Kopf. Filialen werden geschlossen und Stellen massiv abgebaut. Ich gehe noch weiter: Die Blockchain-Technologie, die viele heute nur mit der irrwitzigen Kryptowährung Bitcoin verbinden, ist potenziell in der Lage, Banken komplett überflüssig zu machen. Auch in der Anwaltsbranche geht schon das Gespenst Digitalisierung um: In Zukunft wird die Fallberatung durch Algorithmen erfolgen. Der Rechtsanwalt wird bei der eigentlichen Mandatsbearbeitung kaum noch eine Rolle spielen. Das Gleiche gilt analog auch für das Versicherungsgeschäft. Algorithmen sind schon heute in der Lage, einem Kunden eine viel passgenauere Beratung zukommen zu lassen als ein menschlicher Versicherungsmakler. Anfertigung von Zahnprothesen durch einen Zahntechniker? Das wird in Zukunft durch den 3D-Drucker erledigt. Und das die ganze Dienstleistungsbranche (Taxi, ÖPNV, Transportwesen, usw.) gerade umgekrempelt wird, dürfte selbst dem letzten Zweifler aufgefallen sein.

CDU, CSU und SPD träumen noch von Vollbeschäftigung

Eine Zukunftsvision, um mit diesen unaufhaltsamen Veränderungen angemessen umzugehen, fehlt. Der Politik scheinen jeglicher Gestaltungswille und auch die zündenden Ideen zu fehlen. Stattdessen gilt die Devise „Weiter so!“ und man hält krampfhaft an alten Zöpfen fest. Im Sondierungspapier zwischen CDU, CSU und SPD findet sich eine vor diesem Hintergrund geradezu erschreckend anachronistische Aussage:

„SPD und Union bekennen sich beide zum Ziel der Vollbeschäftigung.“
(Finale Fassung der Ergebnisse der Sondierungsgespräche, Seite 8, 2. Absatz)

Wie es derzeit aussieht, wird der Koalitionsvertrag, sofern er zu Stande kommen sollte, erneut keine Konzepte oder Strategien enthalten, um diesen Umwälzungen adäquat zu begegnen. Es fehlt den Politikern offensichtlich jegliche Phantasie, wie man die innovativen Fortschritte der digitalen Transformation nutzen kann, um anderen schwierigen Herausforderungen der Zukunft, wie Pflegenotstand, Altersarmut, Klimaschutz, etc., zu begegnen. So wäre es doch beispielsweise spätestens jetzt Überlegungen wert, ob man Einkommen in Zukunft überhaupt noch an eine Erwerbsarbeit koppeln kann, oder ob man den Arbeitsbegriff nicht neu definieren muss, und allen Menschen bedingungslos ein auskömmliches und existenzsicherndes Einkommen garantiert.

Wie stehen Sie zu diesem Thema? Ich freue mich über Ihre Diskussionsbeiträge.

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