„Tesla meldet ersten tödlichen Unfall mit Autopilot-Funktion“ (FAZ – Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.06.2016)
„Erster tödlicher Unfall mit selbstfahrendem Auto“ (N24.de vom 30.06.2016)
Selbstfahrender Tesla Model S: Tödlicher Unfall – Tod im autonomen Tesla“ (autobild.de vom 01.07.2016)
Autonom fahrender Tesla: NHTSA untersucht tödlichen Unfall“ (auto-motor-sport.de vom 01.07.2016)
… usw.

So, oder so ähnlich, lauteten die Schlagzeilen diverser Zeitungen und Online-Medien, nachdem jetzt offiziell bekannt geworden ist, dass bereits im Mai diesen Jahres Joshua D. Brown aus dem US-Bundesstaat Ohio mit seinem Tesla Model S in einen abbiegenden LKW gerast und dabei tödlich verunglückt war. Die wohl reißerischste Schlagzeile dazu lieferten die Nürnberger Nachrichten, die in ihrer Print-Ausgabe titelten: „Roboterauto steuert in den Tod“.

Was war wirklich passiert?

Die Untersuchung dieses Unfalls durch die US-Behörden ergab Folgendes:

Der 40-jährige Joshua D. Brown, ein großer Fan des Elektromobils Tesla Model S, fuhr am 07. Mai 2016 mit Unterstützung eines Fahrerassistenzsystems, welches in dem englischsprachigen Handbuch des Fahrzeugs auf Seite 60 als Traffic-Aware Cruise Control bezeichnet wird, auf der U.S. Route 27. Ein in entgegengesetzter Richtung fahrender, weißer LKW bog vor ihm links in den NE 140th Court ein und kreuzte somit die Fahrbahn von Joshua Brown. Die Kamerasysteme bzw. die Hinderniserkennung des Traffic-Aware Cruise Control Systems waren allerdings nicht in der Lage, den weißen LKW vor dem hellen Hintergrund als Hindernis zu erkennen, was dazu führte, dass das System keine Bremsung des Fahrzeugs auslöste. In Folge dessen fuhr Joshua Browns Tesla ungebremst in die Seite des LKW hinein, da der Fahrer selbst vermutlich den LKW auch nicht rechtzeitig erkannte, vielleicht abgelenkt oder unaufmerksam war, und deshalb nicht mehr eingreifen konnte um den Unfall zu verhindern.

So weit, so tragisch. Jeder Verkehrstote ist sicherlich einer zuviel. Die zentrale Frage lautet jedoch: Handelt es sich bei einem Tesla Model S, der mit einem Traffic-Aware Cruise Control System ausgestattet ist, überhaupt um ein „selbstfahrendes“ oder „autonomes“ Auto, wie die zahlreichen Schlagzeilen der schlecht recherchierten Artikel aus Medien und Presse vermuten lassen?

Definitiv nicht!

Das Traffic-Aware Cruise Control ist explizit als Fahrerassistenzsystem kategorisiert. Wie der Begriff „Assistenzsystem“ schon suggeriert, handelt sich demnach um ein System zur Unterstützung(!) des Fahrers in bestimmten Fahrsituationen. Zahlreiche solcher Assistenzsysteme werden heutzutage in allen modernen Fahrzeugen eingebaut: Tempomat, ESP (Elektronische Stabilitätskontrolle), Einparkhilfen, etc.

Warnungen im Benutzerhandbuch, oder: RTFM!*

Auf diesen Sachverhalt, dass es sich beim Traffic-Aware Cruise Control um ein Assistenzsystem handelt, wird im Benutzerhandbuch auch hingewiesen. Ebenso wird im Benutzerhandbuch auch eine deutliche Warnung ausgesprochen:

„Warning: Do not depend on Traffic-Aware Cruise Control to adequately and appropriately slow down Model S. Always watch the road in front of you and stay prepared to brake at all times. Traffic-Aware Cruise Control does not eliminate the need to apply the brakes as needed, even at slow speeds.“
(Quelle: Tesla Model S Owners Manual, Seite 61)

Des weiteren wird im Handbuch explizit darauf hingewiesen, dass folgende Einflussfaktoren die Zuverlässigkeit des Traffic-Aware Cruise Control Systems beeinflussen können:

  • Schlechte Sicht, verursacht durch starken Regen, Schnee, Nebel, etc.
  • Helles Licht, verursacht durch entgegenkommende Fahrzeuge oder direkte Sonneneinstrahlung
  • Beschädigungen oder Beeinträchtigungen der Kameras und Sensoren durch Schlamm, Eis, Schnee, etc.
  • Störung oder Behinderung durch Objekte, die auf dem Model S montiert/angebracht wurden (z.B. Fahrradträger oder Aufkleber).
  • Enge und stark gewundene Straßenverläufe.
  • Störungen, die durch andere Geräte verursacht werden, die elektromagnetische Wellen emittieren.
  • Extrem heiße oder kalte Temperaturen

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Die Elektrolimousine Model S von Tesla Motors (CC BY 2.0. Credit: raneko)
Auch wird in der Bedienungsanleitung darauf hingewiesen, dass das Assistenzsystem nicht im Stadtverkehr benutzt werden sollte, sondern nur auf Landstraßen oder Autobahnen. Damit ist klar: Bei Teslas Traffic-Aware Cruise Control System handelt es sich um ein sehr ähnliches System zu dem, was auch in zahlreichen Fahrzeugen deutscher Hersteller eingebaut ist, und dort Adaptive Geschwindigkeitsregelanlage, Automatische Distanzregelung oder Abstandstempomat genannt wird, und mit einem weiteren System kombiniert ist, welches meistens als Spurhalte- oder Spurleitassistent bezeichnet wird (Die herstellerspezifischen Namen dieser Funktionen können abweichen).

Ein Beispiel ist Audis Active Lane Assist, welcher seit 2010 für den Audi A7 verfügbar ist. Der Unterschied zu Teslas System besteht allerdings darin, dass das Audi-System sich aus Sicherheitsgründen nach wenigen Sekunden abschaltet, wenn der Fahrer das Lenkrad vollständig loslässt, weil feinste Lenkbewegungen des Menschen von diesem System ausgewertet werden. Auch für die Mercedes S-Klasse ist ein solches System erhältlich. Bei YouTube findet man ein Video, das zeigt, wie man durch einen kleinen „Hack“ mit einer Getränkedose am Lenkrad das System so überlisten kann, dass man das Lenkrad loslassen kann und es sich nicht abschaltet.

Fazit

Mit einem autonomen – also: ganz ohne menschlichen Fahrer fahrenden – Fahrzeug, an dem u.a. Google bzw. das Unternehmen Alphabet derzeit gerade forscht, hat Teslas Traffic-Aware Cruise Control nur in Ansätzen etwas zu tun. Die US-Behörde NHTSA (National Highway Traffic Safety Administration) hat 2013 eine Bewertungsskala von 0 bis 4 veröffentlicht, wobei Level 0 ein völlig einfaches Fahrzeug ohne jegliche Fahrerunterstützung ist, und Level 4 ein vollautomatisiertes, autonomes Fahrzeug darstellt. Ein Tesla Model S mit Traffic-Aware Cruise Control liegt demnach in etwa zwischen 2 und 3.

Teslas Assistenzsystem ist allenfalls ein erster Entwicklungsschritt in Richtung pilotiertes (autonomes) Fahren. Es ist auf gar keinen Fall ein „Roboterauto“, wie die Nürnberger Nachrichten schrieben. Der Fahrer ist weiterhin in der Pflicht das Fahrzeug zu lenken, und er steht in der Verantwortung für eventuelle Folgen eines Fehlers. Im Systems Engineering ist funktionale Sicherheit (functional safety) in vielen Branchen ein enorm wichtiges Thema. Der in der Automobilbranche dafür maßgebende internationale Standard ist die ISO 26262. An diesem werden sich in Zukunft auch echte autonome Fahrzeuge orientieren müssen. Doch bis es soweit ist muss der Fahrer sein Fahrzeug ständig aufmerksam überwachen, auch wenn Assistenzsysteme dem Nutzer ein hohes Maß an Sicherheit suggerieren.

*) RTFM ist Internetjargon und steht für „Read the fucking manual“ („Lies das verdammte Handbuch!“)

Das (noch) nicht selbstfahrende Auto: Tesla Model S
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