Neulich, in der chirurgischen Klinik des Krankenhauses bei Ihnen um die Ecke. Das Team von Dr. Aufschnaiter, seines Zeichens Kardiologe, steht schweigend und mit sorgenvollen Minen vor dem OP-Eingang. „So kann es nicht weitergehen.“ durchbricht Dr. Sorgenicht, der Anästhesist, die bedrückende Stille. „Bislang ist ja immer noch alles gut gegangen, doch eines Tages kommen wir in Teufels Küche.“
„Ich predige ja schon seit Jahren, dass wir besseres OP-Besteck brauchen.“ erwidert die Assistenzärztin und Chirurgin Dr. Jutta Tottleben, und fügt hörbar verärgert hinzu: „Dass sich die Arterienklemme ausgerechnet in der kritischsten Phase der Herztransplantation ständig wieder geöffnet hat, hätte beinahe zu einer Katastrophe geführt!“
„Dass wir die Einmal-Skalpelle mehrfach verwenden müssen darf niemand erfahren, sonst sind wir geliefert.“ ergänzt Dr. Aufschnaiter. „Ich weiß sowieso nicht, ob wir überhaupt noch nach aktuellen Standards arbeiten. Ich habe da mal von neuen Methoden in der Transplantationsmedizin gehört, aber meine letzte Weiterbildung hatte ich vor fünf Jahren.“
„Einfach nur sterile Schutzkleidung, sterile Handschuhe und ein Mund-Nasen-Schutz wären ja schon einmal ein erster Schritt.“ sagt Dr. Sorgenicht und fügt hinzu: „Wir müssen hier unbedingt etwas ändern, wir müssen deutlich professioneller werden. Doch dazu müssen wir zunächst das Management mit ins Boot holen!“

Die zuvor erzählte, selbstverständlich fiktive Szene vor einem Operationssaal klingt unglaublich – und sie wird hoffentlich auch niemals Realität werden! Sterile OP-Kleidung, hochwertiges OP-Besteck in Top-Qualität, sowie eine ständige Weiterbildung der Ärzte und ArzthelferInnen sind hoffentlich obligatorisch in unseren heutigen, modernen Krankenhäusern. Alles andere wäre ein Skandal. Und falls es doch an etwas Wichtigen mangeln sollte, so wird es hoffentlich nicht erforderlich sein zunächst „das Management ins Boot“ zu holen, womit ja allegorisch ausgedrückt wird, dass man ja zunächst die skeptische Unternehmensleitung überzeugen und diese quasi um Erlaubnis bzw. Genehmigung bitten muss.

Vielleicht liegt es auch an der hohen Reputation des Arztberufes und seiner gesellschaftlichen Anerkennung, dass es in dieser Disziplin viele Selbstverständlichkeiten gibt die auf gar keinen Fall in Frage gestellt werden, wie professionelles Werkzeug, hohe Hygienestandards und ständige Weiterbildung der Ärzte und Mitarbeiter.

Das gilt bei weitem nicht für jeden Berufsstand. In der Domäne der Softwareentwicklung scheint das anders zu sein. Immer wieder höre ich, dass man für diverse Dinge, die in der Entwicklung komplexer Software selbstverständlich sein sollten, zunächst das Management mit ins Boot holen muss.

boat-managementWerden bessere Entwicklungswerkzeuge und flottere Rechner gefordert, um insgesamt schneller arbeiten zu können, so muss dafür beim Abteilungsleiter gebettelt werden. Die Entwickler möchten die innere Codequalität erhöhen und Clean Code Development praktizieren, um nachhaltigere und besser evolvierbare Software zu schreiben – wieder muss die Unternehmensführung überzeugt werden, dass das gut und wichtig ist. Unit Testing und Test Driven Development? Diesbezüglich habe ich schon die unglaubliche und schockierende Aussage gehört, dass das Entwicklern sogar explizit verboten wurde, da das Testen ja eine Aufgabe der Qualitätssicherungsabteilung sei – Entwickler sollen gefälligst programmieren und nicht testen, so das „Argument“ des Managements.

Eigentlich sollte Softwareentwicklung heutzutage ein Metier sein, das hinsichtlich Professionalität und Qualität anderen Ingenieursdisziplinen und Berufen in nichts nachsteht. Immerhin ist es keine junge Domäne mehr, sondern hat eine mehr als 70-jährige Geschichte hinter sich, wenn man mal die ersten Programme, die noch mit Hilfe von Lochkarten erstellt wurden, hinzurechnet. Schaut man mal zurück auf die legendäre NATO Software Engineering Conference im Jahr 1968, auf der vor dem Hintergrund erster gescheiterter Softwareprojekte der Begriff der „Softwarekrise“ geprägt, und das Software Engineering als Antwort propagiert wurde, so können wir zumindest die Zeitspanne eines guten halben Jahrhunderts betrachten, in der die Branche versucht hat sich zu professionalisieren, was – das müssen wir uns eingestehen – in vielen Bereichen leider noch nicht gelungen ist.

Das Veränderungen in einer Organisation nicht nur Promotoren, sondern auch Skeptiker und Gegner haben, ist bekannt. Wenn aber die Einführung und Anschaffung von State-Of-The-Art-Methoden und -Werkzeugen in einer Branche, die gerade dabei ist die infrastrukturellen Grundlagen unserer aller Zukunft zu erschaffen (Stichworte: Internet of Things, Industrie 4.0, Smart Cities, Smart Factories), immer noch gegenüber Skeptikern in der Unternehmensleitung gerechtfertigt und verteidigt werden müssen, dann stimmt etwas nicht.

Doch woran liegt das? Ich habe dazu einmal ein paar Thesen aufgestellt.

Zum einen sind die meisten Organisationen, die komplexe Software entwickeln müssen, weitestgehend immer noch so strukturiert und organisiert wie Industrieunternehmen zu etwa Mitte der 1970er Jahre, der Hoch-Zeit der industriellen Massenproduktion (zu diesem Thema habe ich bereits unter dem Titel Leben und Überleben im Komplexitätszeitalter gebloggt). Damals waren die Märkte bei weitem noch nicht so dynamisch wie heute, und die Komplexität der zu entwickelnden Produkte war deutlich geringer. Basierend auf einer von Frederick Winslow Taylor im Jahr 1911 erdachten und veröffentlichten Management-Lehre („Scientific Management“) zur Steigerung der Produktionseffizienz waren solche Unternehmen klassisch hierarchisch strukturiert, und die Mitarbeiter waren separiert in das arbeitsvorbereitende Management und die ausführenden Arbeiter. Diese hierarchischen Command-and-Control-Strukturen, die noch für das Industriezeitalter weitgehend gepasst haben, führen natürlich dazu, dass Manager überwachen und steuern wollen, denn das wird von ihnen in einem solchen Kontext auch erwartet. Doch die tayloristischen Ansätze bereiten im heutigen Informations- und Wissenszeitalter immer mehr Probleme. Treiber für diese Entwicklung ist vor allem das Internet und die Globalisierung. Mit steigender Marktdynamik und drastisch zunehmender Produktkomplexität können diese klassischen Unternehmenshierarchien nicht mehr adäquat umgehen. Insbesondere im herausfordernden Umfeld der Softwareentwicklung passen solche Strukturen nicht mehr. Softwareentwicklung ist keine Produktion, sondern eine kreative Tätigkeit.

Ein Relikt aus der zuvor beschriebenen Ära des Taylorismus ist zudem ein Menschenbild, welches im Wesentlichen auf Misstrauen basiert. Es geht dabei um falsche Werte/Wertvorstellungen. Misstrauen in die Mitarbeiter scheint immer noch ein tief verwurzelter Bestandteil vieler Unternehmenskulturen zu sein. Es wird den Fachkräften einfach nicht zugetraut, dass sie selbstständig Situationen richtig einschätzen und Entscheidungen im Sinne der Organisation treffen können. Das führt dazu, dass diejenigen, die die wertschöpfende Arbeit in einer Organisation erbringen, für jede Kleinigkeit um Erlaubnis bitten müssen. Das nimmt mitunter bizarre Züge an: Mitarbeiter, die für das Unternehmen millionenschwere Deals abschließen sollen, dürfen nicht selbstständig entscheiden, ob sie mit dem Bus oder mit einem Taxi zum Flughafen fahren. In der Softwareentwicklung sieht es dann nicht viel anders aus: dem Aufrüsten des Entwicklungsrechners mit mehr Speicher um die Übersetzungszeiten des Compilers zu verringern geht ein umfangreiches Antragsverfahren mit Freigabe per Unterschrift voraus. Anstatt also den hochqualifizierten Fachleuten zu Vertrauen und auf autonome und selbstorganisierte Teams zu setzen, dominieren in vielen Softwareentwicklungs-Organisationen immer noch Steuerung, Überwachung und Kontrolle durch das Management. Die Folge: Sowohl Manager als auch Mitarbeiter ersticken in Bürokratie, die betriebliche Wertschöpfung nimmt ab, die Fähigkeit mit der steigenden Komplexität und der Dynamik des Marktes umzugehen sinkt, und es entsteht ein immer größerer Druck.

Als weiteren Punkt sehe ich die enorme Dynamik, mit der die IT-Branche konfrontiert war und ist. Ich meine damit nicht unbedingt nur das wirtschaftliche Wachstum und die Marktdynamik, sondern auch den rasanten technologischen Fortschritt. In kaum einer anderen Domäne ist das, was heute noch State-Of-The-Art ist, so schnell wieder der sprichwörtliche Schnee von gestern wie in der IT. Was dabei in der Vergangenheit oftmals auf der Strecke blieb, ist unter anderem die notwendige Professionalisierung, was beispielsweise in einer geringen Zuverlässigkeit vieler Softwaresysteme sichtbar wird. Bereits vor mehr als 20 Jahren stellte Professor Wolfgang Coy fest:

„Unter hoher Wachstumsgeschwindigkeit hat die Informatik kein professionelles Selbstverständnis entwickelt, das per se zuverlässige und bedachte Konstruktionen zum Normalfall werden lässt. Andere Ingenieurswissenschaften haben – in längerer Zeit und mit gemächlicherem quantitativen Wachstum – solche Prinzipien auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse wie auf der Basis entfalteter praktischer Plausibilität und Evidenz herausgearbeitet.“ (aus: Wolfgang Coy et. al. (Hrsg.): Sichtweisen der Informatik. Vieweg Verlagsgesellschaft. 1992)

Darüber hinaus konnte die Softwareentwicklung auch kein so hohes Ansehen, keine Reputation, kein positives Image aufbauen, wie sie andere Ingenieursdisziplinen seit vielen Jahrzehnten bereits haben. Softwareentwicklung als „Newcomer“ unter den Disziplinen wurde lange Zeit nur als notwendiges Beiwerk betrachtet. Und Software war das, was ja nur von ein paar Nerds irgendwo im stillen Kämmerlein zusammengefrickelt wurde. Im Vordergrund standen immer die Ergebnisse der Maschinenbauer und Elektroingenieure; das waren bzw. sind die Dinge zum Anfassen, die mitunter auch eine gewisse Attraktivität ausstrahlen, wenn man beispielsweise mal an schöne, neue Autos denkt. Die Software wurde zumeist nur in einem eher negativen Zusammenhang erwähnt, wenn mal wieder ein Bug zu einer Fehlfunktion geführt hat.

Vor dem Hintergrund, dass die Menschheit gerade ein gigantisches Netzwerk aus miteinander interagierenden Dingen baut, und Software nicht nur der wesentliche wertschöpfende Faktor in vielen Unternehmen ist, sondern auch das Fundament unserer modernen Infrastruktur, wird es höchste Zeit, dass die Softwareentwicklung sich emanzipiert und professionalisiert. Für die Manager bedeutet das, dass eine visionäre und mutige Führung gefragt ist. Die Zeiten, in denen man für jede Innovation in Methodik und Arbeitsweise der Softwareentwickler erst das Management mit ins Boot holen musste, sind vorbei. Das Management muss Abstand nehmen von den Instrumenten der Steuerung und Überwachung, und stattdessen vertrauensvolle Rahmenbedingungen schaffen, sowie die Mitarbeiter begeistern, damit autonome, cross-funktionale Teams wichtige Entscheidungen, die für eine qualitativ hochwertige Erledigung ihrer Aufgaben notwendig sind, selbstständig treffen und umsetzen können. Das kontinuierliche Streben nach technischer Exzellenz und hoher Qualität, sowie das bedarfsorientierte Einführen und Umsetzen problemadäquater Methoden und Werkzeuge in der Softwareentwicklung muss endlich so obligatorisch werden, wie das Sterilisieren des OP-Bestecks nach einer Operation, oder die permanente Weiterbildung der Ärzte.

Das Management ins Boot holen

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